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Interview: Still-Expertinnen der La Leche Liga Deutschland e.V.

Interview mit Deutschlands Still-Expertinnen

Im Gespräch mit Julia Afgan, 1. Vorsitzende von La Leche Liga Deutschland e.V.

Foto: © famveldman/ Fotolia

Stillen ist das natürlichste auf der Welt. Doch leider haben viele Frauen damit so ihre Startschwierigkeiten. (siehe Teil 1: So gelingt das Stillen) Die gute Nachricht: Mit der richtigen Hilfe schaffen es die meisten, ihr kleines großes (Still-)Glück zu finden.

Was sagen die Still-Expertinnen von La Leche Liga Deutschland e.V.? Wir haben für euch nachgefragt: Julia Afgan, 1. Vorsitzende der ehrenamtlichen Stillorganisation, beantwortet unsere wichtigsten Fragen.

Können sich Mütter irgendwie auf das Stillen vorbereiten?
Das macht der Körper von ganz alleine: Während der Schwangerschaft wird die Brust größer, es wächst das Brustdrüsengewebe. Dies ist später für die Milchbildung zuständig. Die Brustwarze und der Warzenhof werden dunkler. Durch den entstehenden Hell-Dunkel-Kontrast findet das noch sehr verschwommen sehende Baby die Brustwarze besser. Zudem sondern diese Drüsen ein talgartiges Sekret ab, das die Brustwarze pflegt. Dieses Sekret riecht übrigens ganz ähnlich wie das Fruchtwasser. Nach der Geburt signalisiert der vertraute Geruch dem Baby, wo es nach seiner Milch suchen muss. Toll, was? Eigentlich muss sich eine Frau also nicht auf das Stillen vorbereiten. Nun leben wir aber in einer Kultur, in der sich rund um das Stillen hartnäckige Ammenmärchen halten. Das kann verunsichern und es ist für Schwangere nicht einfach, gute Informationen herauszufiltern.

Eine hilfreiche Vorbereitung kann deswegen mental stattfinden: Ohren auf Durchzug stellen, sobald ungebetene Ratschläge sowie Horrorgeschichten aufs Tablett kommen. Die Schwangerschaft ist eine gute Zeit, um sich bereits die Kontaktdaten einer ausgebildeten Stillberaterin herauszusuchen. In einer Stillgruppe können Schwangere ein reelles Bild von den ersten Wochen mit Stillbaby erhalten und sich viele praktische Tipps mitnehmen. Wertvoll ist auch die Lektüre eines guten Stillratgebers (Literaturtipps siehe unten). Um aktuelle von veralteter Lektüre unterscheiden zu können, empfehle ich das LLL- Infoblatt „Mythen und Ammenmärchen rund ums Stillen“. Ranken sich diese Mythen durch einen Stillratgeber, dann hilft er wahrscheinlich wenig weiter.

Was raten sie Müttern, die gerade mit dem Stillen starten möchten?
Stellen Sie sich vor, Sie sind frisch verliebt. Wie verbringen Sie intuitiv die ersten gemeinsamen Wochen mit Ihrem Freund, ohne dass Sie dafür eine Anleitung haben? Sie sorgen für Zeit, Ruhe, Schutz vor Störungen, viel Blick- und Körperkontakt. Genau das brauchen auch Mutter und Kind, damit sich das Stillen gut einspielen kann. Die milchbildenden Hormone werden ausgeschüttet, wenn die Mutter sich geschützt fühlt und sie viel Hautkontakt zu ihrem Baby haben kann. Ein guter Platz für die ersten Wochen sind daher z.B. Bett und Sofa, wo Mutter und Kind ungestört kuscheln, schlafen, dösen und stillen können. Es ist Gold wert, wenn der Partner oder eine liebe Freundin die Mutter bekochen und verwöhnen, sich um den Haushalt kümmern und Besucher vertrösten. In der ersten Zeit ist ein gewisses Chaos ganz normal. Kein Baby erwartet perfekte Eltern, die Familie darf sich Zeit nehmen, langsam zusammenzuwachsen.

La Leche Liga Deutschland e.V.

Verraten Sie uns ein paar Tipps, wie der Milchfluss in Schwung kommt und es auch so bleibt?

  • Tipp 1:

    Eine gute Stillposition. Am besten geht das so: Die Mutter liegt bequem wie in einem Liegestuhl nach hinten gelehnt, das Gewicht dabei auf dem Kreuzbein und nicht wie beim aufrechten Sitzen auf den Sitzbeinhöckern. Das Baby liegt Bauch auf Bauch auf der Mutter drauf, so wie ein kleiner Magnet. Es sucht ganz alleine und greift die Brust von oben. So gelangt die Brustwarze tief in seinen weit offenen Mund. Nichts schmerzt und das Kind kann die Brust prima abtrinken.

  • Tipp 2:

    Nicht auf die Uhr schauen. Das Baby darf so lange an jeder Seite trinken, wie es möchte. Es kann einmal pro Seite trinken, oder mehrmals an jeder Seite, alles ist okay. Das Baby darf auch so oft trinken, wie es möchte. Es gibt keine Zeitvorgaben und keinen Mindestabstand. Je öfter ein Kind die Brust durch sein Saugen anregt, umso besser kommt die Milchbildung in Gang.

  • Tipp 3:

    Nicht von außen irritieren lassen. Mutter und Kind bestimmen ganz alleine und sind beide wunderbar kompetent, von Geburt an! Sollten irgendwelche Unsicherheiten auftreten, einfach direkt eine Stillberaterin fragen und sich rückversichern, ob alles okay ist. Jeder Stillberaterin sind kleine, banal erscheinende Fragen lieber als ein zu langes Warten oder Aushalten.

Was kann man machen, wenn der Milchspendereflex zu heftig ist?
Wenn das Baby sich verschluckt, dann hilft ihm eine möglichst aufrechte Position. Stellen Sie sich vor, sie würden ein Kind zum „Hoppe Reiter“ spielen auf eines Ihrer Beine setzen. Setzen Sie es auf diese Weise vor sich, halten Sie es unter den Achseln fest und lehnen Sie sich dann leicht zurück bis zur Sofalehne. Ziehen Sie das Baby mit sich. Das Baby liegt jetzt Bauch auch Bauch relativ aufrecht auf Ihnen. Wenn es in dieser Position ansaugt, dann fließt die Milch beim Schlucken von oben nach unten durch seine Speiseröhre. Es muss nicht horizontal im Liegen trinken und kann nun viel besser mit der Milchmenge umgehen. Falls die Milch zu sehr schießt, nehmen Sie das Kind kurz ab. Drücken Sie mit der flachen Hand zehn Sekunden auf die Brust und lassen das Kind dann weitersaugen. Manchmal kann es auch hilfreich sein, den ersten Schwung herausschießender Milch abzupumpen oder auszustreichen, so dass das Baby anschließend entspannter trinken kann.

Woher kann man am besten erkennen, dass das Baby genügend Milch erhält?
An der Gewichtszunahme. Ein Baby sollte entlang seiner Perzentile wachsen und mit etwa drei bis vier Monaten sein Geburtsgewicht verdoppelt haben. Gute Indikatoren sind auch die Windelinhalte: In den ersten vier bis sechs Wochen hat ein gut zunehmendes Stillkind täglich mindestens fünf bis sechs nasse Urinwindeln und häufig Stuhlgang, etwa drei bis fünf Mal. Der Muttermilchstuhl ist kräftig gelb und weich. Ein älteres Stillbaby kann auch seltener Stuhlgang haben. Eine rosige Hautfarbe, eine gute Hautspannung und ein aktives und aufmerksames Verhalten geben zusätzliche Rückversicherung.

Wie geht es weiter, wenn es einfach nicht klappen will? An wen können sich Mütter wenden?
Eine ausgebildete Stillberaterin kennt die Bandbreite aller Stillprobleme und verweist je nach Bedarf auch an den entsprechenden Facharzt weiter. Bitte suchen Sie nach einer Stillberaterin, die einer Fachorganisation angehört, denn der Begriff „Stillberaterin“ ist nicht geschützt. Ausgebildete Stillberaterinnen von La Leche Liga Deutschland e.V. sowie der Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen Bundesverband e.V. beraten ehrenamtlich. Sie sind per Email, Telefon und in Stillgruppen erreichbar. Still-und Laktationsberaterinnen IBCLC sind examinierte Fachpersonen, die gegen Honorar Einzel-und Gruppenberatung anbieten.

Wir bedanken uns für das Gespräch!

Literaturtipps der La Leche Liga Deutschland e.V.:

Du möchtest gerne noch mehr über das Stillen erfahren? Unsere ganz persönlichen Still-Start Erfahrungen findest du im hier: So gelingt das Stillen!

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Carolina

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